Julia Albinus

25. August 2018, posted in Kanada, Nordamerika, ReiseWir benutzten das Pronomen “Wir”

Es ist heiß. Der Solo-Roadtrip in Alberta und Saskatchewan war weitesgehend positiv. Die Kanadier sind von mir beeindruckt. Verblüffend ist allerdings, dass es scheinbar auch für Kanadier eher untypisch ist alleine zu reisen. Ich werde für Wesensmerkmale verehrt, die auch mein engstes Umfeld an mir schätzt.
in einer Brauerei mag ich gerne sein, erst recht wenn sie fancy ist
Coldgarden Brauerei, Inglewood Calgary

Ich spüre eine innerliche Veränderung. 
Diese ist sicher nicht nur meinem anstehenden 29. Geburtstag geschuldet. Eines der wiederkehrenden Motive ist, das herzliche und liebevolle Zusammenleben mit Sylvie und Fred. Ich glaube es steckt weitaus mehr dahinter.
Wir besuchen Theaterfestivals, lauschen an lauen Sommerabenden Jazz-Konzerte und gehen mit Freunden tanzen. Ich fühle mich vollkommen. Nichts fehlt, wenn ich mit den beiden zusammen bin. Die Seele ruht, der Geist kann sich entfalten. Die positiven Schwingungen tun gut.

Wie schön, dass ich geboren bin

Doch der Abschied rückt näher. Nun feiern wir erstmal mein Jubiläum. Während ich diese Zeilen schreibe, sehne ich mich danach mal wieder einen Geburtstag zu Hause zu feiern. Jahre ist es her.  Eigentlich habe ich mich entschieden: “Nö, Jule am Geburtstag zu kurz kommen, weil es Erntezeit ist, magst du nicht mehr. Du gönnst dir was und verreist jedes Jahr.”
Und das mache ich erfolgreich nun schon seit 10 Jahren.
Entschuldige, dass ich ich hier so aushole, aber um die Reisetante Jule, also mich und meinen Drang hinaus in die Welt zu verstehen, ist das ein wichtiges Detail. 

Alles Liebe für mich!
Alles Gute für mich!
Meinen diesjährigen Geburtstag gehen wir in Calgary -diesmal ohne Cowboy Stiefel- gelassen an. Bevor wir auf den Markt nach Millarville fahren. Wir lassen uns zum Entdecken und Entspannen hinreißen, schlürfen Kaffee und stoßen mit Bierproben an. 
Wir benutzen das Pronomen “Wir”.
Bis zu letzt glaube ich daran Sylvie und Fred einzuladen, doch keine Chance. Sie drängeln sich vor. 
Endlich kommt die Gelegenheit als sie am Gemüsestand verharren. Ich kaufe einen Pie. Nenne ihn Geburtstags-Pie. 
Sylvie lacht: “Du hast einen Pie zum Geburtstag gekauft?”.
“Ja, aber doch nicht irgendeinen. Es ist ein Saskatoon Berry Pie.”, kontere ich nüchtern. Saskatoon Beeren wachsen nur in Saskatoon und auf Farmen in Alberta, muss ich hier anfügen, um mich nochmals zu verteidigen. In Kanada wird geklotzt und nicht gekleckert. Klar, sieht es dann albern aus, wenn ich mit einem kleinen Pie um die Ecke komme. Mir egal.
Nach diesem tollen Vormittag bin ich knülle. Die Eindrücke sind anstrengend. Doch dann geht es weiter. Anni´s Sommerparty steht an. Sie hat zur letzten Sommerparty in ihrem großen Haus geladen. “Nächstes Jahr wird der Garten um einiges kleiner sein.”, verkündet sie bevor wir Anstoßen. 
Anni ist die wohl besonnenste 72-jährige die ich kenne. Ihre Schlagfertigkeit und Frohnatur kennzeichnen ihre Persönlichkeit. Ihren Mann Gerry verteilt sie munter auf dem ganzen Erdball. Seine Asche hat sie mit deren der beiden verstorbenen Hunde gemischt. “Wir haben doch alle zusammen gelebt.”, lacht sie. So reisen Gerry und die beiden Hunde eben immer in einer kleinen Tupperdose mit und werden nach Bedarf feierlich in die Luft gestreut. Persönlich mag ich diese Einstellung zum Thema Tod. Für uns Deutsche klingt das bizarr. 
Ist es überhaupt statthaft das Thema Tod kulturell zu vergleichen? Vergleiche sind immer Quatsch. Dennoch macht es Sinn dieses Thema auch mal aus einem anderen Blickwinkel zu erleuchten. 

Was blieb Anni anderes übrig?

Anni feiert die nächste Sommerparty nicht etwa in einem anderen Garten, weil sie es in

Ehemals Arbeitslager in einer der schönsten Regionen
Kanada´s, – Spitzname: „Kana-Nazi“

dem Haus nicht mehr aushält. Sie baut sich ein neues Haus. Nun reisen sie, Gerry und die Hunde erstmal nach Kroatien.

Ich kenne Anni schon vom Yoga und vom Wandern in Kananaskis, ehemals “Kana-Nazi”. Nun ja, hier könnte ich auch wieder ausführlich erzählen. Sprengt den Rahmen.
Den letzten Tag in Calgary verbringe ich mit Sylvie alleine. Fred ist für ein Paar Tage nach Ontario geflogen, um seine Brüder zu besuchen. Sylvie braucht diese Auszeit. Die Krankheit beansprucht die Ehe immer mehr, und schneller als gedacht. Auch wenn wir die Diagnose mit viel Humor nehmen.

Mein neues Lebensjahr erklären Sylvie und ich zum gemeinsamen Linkshänder-Jahr. Eine der Darstellungen auf dem Theater Festival die wir besuchen, heißt “Links zurück”. Das regt unsere Fantasie an, und legendär schreiben, essen, trinken wir nun mit der linken Hand.
An dem Sonntag führen wir noch viele intensive Gespräche und finden gemeinsame Verbindungen. Ich schätze sie sehr, dafür das sie aus einem Elternhaus kommt in dem sie wenig Verständnis bekam, und dennoch so liebevoll mit sich und ihrem Umfeld umgeht. Mich beeindruckt ihre außerordentliche Scharfheit und die große Einfachheit ihres Denkens. Das Gespräch mit ihr hat einen stets schwer zu beschreibenden Charme. Sie lässt Floskeln beiseite. 

Sie schwätzt nicht. 

Sie spricht. 

Und ich achte sie für die Gelassenheit die sie Tag für Tag lebt. Ihren Mann, der leider so langsam den Verstand verliert – Alzheimer – begleitet sie fokussiert.
Der Abschied aus Calgary fällt mir leicht. Wir sehen uns wieder. Das weiß ich. Der Flug nach Vancouver vergeht wie im Flug. Am Flughafen arbeite ich bis spät abends, denn ich warte. Obwohl ich Klassifizierungen nicht wirklich mag, zähle ich wohl zu den “Digital Nomads”. 

Hostel ´Straya` heißt die Deutschen Willkommen

Ich warte auf gute Freunde, Geschäftspartner, Wegbegleiter und Abenteurer. Geplant ist

Wüstenmuli oder Lastesel. Bei haben schwer zu tragen. Ich auch.
der Wüstenmuli zieht los. 24 kg mal wieder
auf meinem Rücken

ein Roadtrip ins Yukon. Während ich auf die beiden warte, mache ich uns einen Schlafplatz bei Freuden klar. 

Ich kenne sie noch aus meiner Anfangszeit hier in Vancouver. Es beschleicht sich dieses Gefühl von Zusammenhalt. Wir kamen hier zur selben Zeit an, im selben Hostel mit dem selben Gefühl der Überforderung. 
Überfordert von Möglichkeiten, Entscheidungen und Organisation.
Das Wiedersehen am Flughafen fühlt sich an, als wären wir nie getrennt gewesen, also schön. Völlig kaputt fahren wir ins ´Hostel Straya´. Während wir durch Vancouver cruisen, fühle ich mich zu hause. Das das irgendwann zu Ende sein soll. – No way. Kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen. Muss ich auch garnicht, denn heute Feiern wir das Leben und wieder meinen Geburtstag. Ja, ich feiere gerne. Ich liebe es zu lachen und Spaß zu haben. Der Inbegriff des Lebens.

Die schockierende Wahrheit über ein Geschenk

Während ich mit dem Toasten und plaudern beschäftigt bin, kommen meine Freunde aus der Heimat mit einem Geschenk aus der Heimat um die Ecke. Klar, was sollen sie mir sonst geben wollen, wenn nicht etwas aus der Heimat?

Für einen Moment sausen mir eine Menge Leute durch den Sinn, die mich beschenken wollen. Ist es Mama? Überrascht sie mich? Nein, auf der Karte sehe ich eine Schrift die ich nicht kenne. Obwohl es geradezu gesellig ist, muss ich den Brief überfliegen. Und waoh, meine Anonymität ist nun wohl völlig aufgeflogen. Ich fühle mich nackt, denn die feinsinnigen Spuren aus meinem heimischen Mileu sind nun völlig aufgedeckt.  
Ich weiß, dass mich meine Eltern Julia genannt habe, weil mein Dad nie mit einem Namen zufrieden war. Er durfte nicht zu exotisch sein, Deutsch sollte er sein, was Mama nicht so gefiel und dann kam da “Julia” raus. Namenserklärungen sagen der Name stamme aus dem Geschlecht der Julier, ich sei romantisch und verliebe mich schnell.
Ok, romantisch bin ich. Ich unternehme nicht mal den Versuch das Geschenk zu ignorieren.  

schlechte Luft, Dunkelheit und Kälte. Kanadas Buschfeuer
Wahre Geschichte. Buschfeuer fast überall in Kanada.
Wenn ein Roadtrip zur Belastungsprobe wird.

Obwohl aus dem Roadtrip ins Yukon schnell Plan B wird, da der immense Rauch und die Wildfeuer ziemlich belastend sind, verschlinge ich das Buch.

Eine Buchempfehlung von mir: Das Orangenmädchen von Jostein Gaarder. 
Ich werde hier nicht weiter spoilern. Lest diese Geschichte selbst.
Mir ist bewusst, dass ich ein ziemlich extraordinäres Leben führe. 
Meine Kunden schätzen mich. Es ist mein Anspruch Ergebnisse zu liefern, statt heiße Luft zu spucken. Während ich mir die Welt anschaue meistere ich den Spagat, zwischen dem klassischen Geld verdienen und dem Weltenbummlen. Wozu ich das erzähle? – Meine persönlichen Ansichten passen nicht unbedingt in die brandenburgische Heimat.

Nur weil es anders ist, muss es nicht gleich falsch sein.

Was wirklich zählt ist, dass du dich mit Menschen umgibst die dich schätzen und schon gehören zweifelhafte Gedanken der Vergangenheit an. Das Reisen macht mich sensibel und dankbar für alles was ich hier erleben darf. In letzter Zeit treffe ich vermehrt auf Menschen auf meiner Wellenlänge, und das ist gut so. 

In der Welt gefeiert, im Osten gehasst

Relaxen am Seton See
Erfrischung im Seton Lake und rauchfreie Pause
Ich weiß die Überschrift ist provokativ. Beides wird mir nicht gerecht. Vor der Selbstständigkeit werde ich auf dem heimischen Boden aus Angst vor dem Scheitern oft gewarnt.

Was ich dazu denke?- “Ignore the Naysayers.”- Arnold Schwarzenegger.

“Das Orangenmädchen” fesselt mich. Ich frage mich nun wirklich, ob die Begegnung Zufall war. Meine Seele hat den Weg zum Herzen gerade bitternötig. Ist es also Zufall, dass mir „die Heimat deutsche Lektüre” mitbringt, um meinen Horizont zu weiten?
Ich kann es nicht sagen. So sitze ich hier am Holztisch mit meinem preisgekrönten Gewürztraminer des Weingutes Hainle. Die Weine werden auf der Oscarverleihung ausgeschenkt und wurden zur Hochzeit von Kate und William serviert. Na, dann: ´la dolce Vita`- auf das schöne Leben!
Bis bald Eure,
Jule

Ps. Morgen fahren wir nach Alaska. Das Highlight des Tages waren heute zwei Schwarzbären, die  genau vor uns die Straße überqueren.

Endlich wieder Luft zum Atmen
Salmon Gletscher in British Columbia – endlich frische Luft zum Atmen

Geschrieben von Julia

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