Julia Albinus

15. Mai 2018, posted in Kanada, NordamerikaUnsichere Schritte in Richtung Rohstoffgiganten: Kanada

Wandern um dem Geist zu klären

Es ist vorbei. Das Reisen mit Alibi. Wie ein Sieger gesprungen, wie ein Bettvorleger gelandet. 

In meinem Pass ist das einseitige Working Visa eingetackert. Die Einreise in Kanada war sehr sanft und kameradschaftlich. Der zwanglose Beamter empfängt mich auf Augenhöhe. Identifikation über eine Uniform? – Fehlanzeige. „Dein Visum geht bis April 2019. Als Ausreisedatum gebe ich dir den 4. Mai. Das ist der Star Wars day. Ich finde das passt gut.“, sagt er und grinst mich an. „Was ist denn der Star Wars Day?“, bohre ich nach. „May the 4th be with you.“, lässt er mich wissen.  „Weißt du, dass ich dein Visum gleich auf das Papier drucke, worauf auch unser Geld gedruckt wird?“, erkundet er sich während er am Computer ein Daten einklimpert und mir noch so einige andere formale Fragen stellt. Was für eine Ehre denke ich bei mir. „So nun muss ich nur wieder üben ein Origami zu falten, und dann kann ich dir noch erklären wie du in die Stadt kommst.“, entgegnet er mir. Natürlich bohre ich nach, aber klar nun wird mein schönes Visum auch noch gefaltet. Bisweilen war mir meine Deutsche Art nicht bewusst, aber will er alles Ernsten das für die Ewigkeit erstellte Visum falten? – Ja, will er und tut er auch.

Hingerissen von dem Land und der Kultur ziehe ich von dannen. Die Reise geht ins Samesun Backpackers nach Downtown. Ein neuer Lebensabschnitt bricht an. Ich nehme mich ins Kreuzfeuer: „Will ich das noch?“. Ich kann mich nicht zerteilen. Die Beratungen machen mir soviel Spaß und dann noch all die anderen Projekte. Mein Handy piepst und reißt mich aus dem Strudel. „Sind in der Bar um die Ecke, kommst rum?“, lese ich. „Logisch!“, schreib ich fix und sitze schon fast in der Bar.

Gelacht wird an der Bar und nicht im Keller

Fakt ist, dass die meistens Menschen entweder Süd-oder nordwärts reise, und deshalb bin ich nicht ganz fremd in der Stadt. Einige meiner Gefährten waren schneller und sind schon längst in Vancouver. Also lande ich in der irischen Bar und habe prompt einen Whisky vor meiner Nase. Ist es sowieso schon fast 2 Uhr nachts, also viel zu spät um sich über Zukunftspläne den Kopf zu zerbrechen. Und da offiziell um 2 Uhr nachts Schließzeit ist, muss ich mich beeilen. 
Am nächsten Morgen weckt mich das Vibrieren meines Telefons: „Los, los auf zum Hike!“. Nie im Leben lasse ich mich unter den gegeben Umständen unter die Backbackergemeinde treiben. Nicht, das ich die Gesellschaft nicht schätze. Mir fehlt der rote Faden. Mein Stromadapter spinnt seit Wochen. Jedes mal wenn ich ein elektronisches Gerät wieder mit Saft versorgen muss, bastel ich was um die Steckdose oder halte einen Fuß gegen. Nun trifft mich auch noch der Schlag. Es macht mich verrückt.
So geht es nicht weiter. Ich verschwinde an den Schreibtisch. Nehme Platz und sortiere mich.
Und wie auf Kommando ist die Truppe zurück und wir brechen zum Essen auf. Das Highlight des Tages steht noch aus: Die Whitecaps gegen Salt Lake City. Ich bin gespannt was Vancouver zu bieten hat. Hochgelobt für seine kulinarische Vielfalt wird es ja aus aller Munde. Ich wurde nicht enttäuscht. Auch nicht in den nächsten Tagen. Flashback durch das asiatische Angebot. Aktuell sind wir aber klar beim Fußball.
Tja, die Eishockeyplayoffs laufen zwar, aber die Fußball Profiliga Nordamerikas lasse ich mir nicht entgehen. Wenn man die Möglichkeit hat zum Hans zu gehen, geht man eben nicht zum Hänschen. Für die Unwissenden: die Major Ligue Soccer.
Im Entenmarsch holen wir uns nacheinander unser Bier. Ein Bier pro Gast und pro Einkauf ist hier die Regel. Wenn dem so sei. Und schon heißt es; lasset die Spiele beginnen. Szenen aus den vergangenen Dekaden werden eingeblendet und der Fansong wird eingespielt:

´White is the Colour, Soccer is the Game,
We’re all together, and winning is our aim.
So cheer us on through the sun and rain,
‘Cause Whitecaps, Whitecaps is our name.´

Kann mich vor Lachen nicht mehr halten. Das ist das Albernste was ich bei einer Sportveranstaltung gehört und gesehen habe. Eine gelungene Show. Das Spiel ist vergleichbar mit der deutschen Landesliga. Verständlich, dass die Kanadier diesen Sommer nicht nach Russland reisen.
Gähnend verabschiede ich mich von einigen aus der Gruppe. Jetzt muss ich unbedingt los. Die letzten Tage waren anstrengend und ich hasse Abschiede. Wie der Teufel es will ist heute wieder einer der Tage.  Um den Abschiedsschmerz zu überbrücken nehme ich nun auch an den kostenlosen Hostelaktivitäten teil.  
Ich husche unter die Dusche, schnappe mir einen Bagel und sitze ich im Bus zum Capilano Canyon.

tolles Wanderwetter in Vancouver
Baum des Lebens oder Raum zum Leben?
Ben sitzt grinsend neben mir: „Du bist noch hier?“, fragt er mich. „Ja, und du bist wohl auch noch nicht weiter gekommen?“, versichere ich mich.
„Hey, wie geht’s dir?“, unterbricht uns Ben 2 während wir schon durch den Canyon wandern und das Vergnügen haben eine Lachsfarm zu besichtigen. Immerhin ist alles gläsern und jeder kann sich sein eigenes Urteil bilden.
Nach der Wanderung spielen wir Ninja. Ein simples Kinderspiel. Unglaublich wie ein kurzes Spiel doch deutlich die Stimmung heben kann. Zudem entsteht eine Energie und die leuchtende ´Kinderaugen´.  Nach dem Spiel kommt der Ernst, also tuckern wir wieder Richtung City. Am selben Nachmittag stecke ich in meinen Laufschuhen und umrunde noch den Stanley Park. Es hilft alles nichts. Augen zu und durch.
Fluch und Segen: Aufenthalte in den Hostels
Als wäre das alles noch nicht genug lerne ich abends direkt noch chinesische Flöte zu spielen. Innerlich spüre ich immer noch, dass ich runterfahren muss. Denn die Unternehmerin ruft in mir. Hier kicken die Herausforderungen eines Digitalen Nomaden rein. Hostels sind super zum Anschluss finden. Jedenfalls kann das schnell Überhand nehmen. Da ich ein Macher bin, finde ich mich im Starbucks wieder, da ich auf das Internet der lokalen Cafés nicht mehr vertraue. -Sorry, aber ich wurde zu oft enttäuscht.- Am selben Abend eröffnet mir Henry – ein echter Kanadier- Welten: „Setz´ dich in die lokalen Bibliotheken. Die haben Internet und es ist ruhig.“ Ich schnaufe durch. Ein Geschenk des Himmels.
Da wir nun aber am Tisch der Aussie´s hängen, brechen wir schon bald auf in die nächste Bar, wo zufällig auch ein DJ auflegt. „Ihr findet mich auf der Tanzfläche!“, und wer mich kennt weiß das ich da so schnell nicht mehr weg komme.
Der Abend wird lang und ich bin froh, dass mich Ben 2 vor dem lästigen Mexikaner rettet, der auf Teufel-komm raus mit mir am nächsten Tag wandern gehen will. Am nächsten Morgen will ich vieles, aber bestimmt nicht wandern.

Herrschaftszeiten, es wird Zeit für einen Umzug

Das Personal schmunzelt, da ich ständig meinen Aufenthalt verlängere, ziehe ich – auf die andere Straßenseite in ein anderes. Ich spar´ mir ein paar Taler und es wird ruhiger.
Da sich mein Vancouveraufenthalt hier bisher als wilder Partyurlaub präsentiert, muss ich an dieser Stelle eingrätschen. Denn zwischenzeitlich habe ich noch einen 600m hohen Gipfel erklummen. Ben 2 puschte mich in einem Tempo den Berg hinauf, dass es mich gewaltig nervte. Himmelswillen, was mache ich nur? Da der Tag nicht mit der Schokoladenseite beginnt, bin ich recht dankbar, dass er mir aushilft. Von Beginn.  Cash am Automaten wurde mir verweigert und innerhalb von Sekunden sollte ich mir im 7-eleven was zu Essen aussuchen, weil die Wanderung urplötzlich bis abends ginge. „Also was willst du?“, bohrt er nach. Ich bin überfordert. Schon hier hätte mir die Wanderung gestohlen bleiben können. Wie erwartet lohnt sich der  Track aber doch. 

Weisheit des Tages: Wandern klärt den Geist

Ben 2 springt wie Rumpelstilzchen auf dem Gipfel rum. „Ich gehe weiter auf den zweiten Gipfel, kommst du mit?“, fragt mich das Durcacellhäschen. „Ich bin zufrieden mit der Aussicht.“, erwidere ich und lege mich glückselig auf den Berg als Ben 2 schon auf den zweiten Gipfel eilt. 
Das beherrschende Thema bleibt bergsteigen. Der nächste Anstieg kommt unverhofft. Ben textet mir: „Gehe heute Abend mit Freunden wandern, kommst mit?“. Spontan stimme ich zu. Als ich mich an die Recherche mache, ahne ich was auf mich zukommt: Tausend Meter Anstieg. Da bereue ich meine Spontanität fast. Obwohl ich am Hadern bin, mache ich keinen Rückzieher. Die Blöße gebe ich mir nicht. Wie befürchtet wird der Anstieg hart. Die Truppe löst sich schnell auf, denn jeder ist seines eigenes Schmied. So versuche ich mich zu sputen, um noch vor Sonnenuntergang oben anzukommen. Endlich sehe ich Schnee und völlig erschöpft steige ich die letzten Schritte empor.

Noch Fragen?

Bis bald,
Eure Jule

Alternativ in Vancouver
Sorry, Vancouverfotos gibt es kaum. Bunt geht es in der Davie Street zu. 

Geschrieben von Julia

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