Julia Albinus

28. Mai 2018, posted in Kanada, Nordamerika, ReiseSo gewinnst du keinen Blumentopf.

Supernahe Wildnis
Wildnis zum Greifen nah

Wir kennen sie alle: die Garantie.

Nur gibt es im Leben halt kaum eine Garantie. Kanada ist schön, keine Frage.
Leider kann ich  noch nicht unterschreiben, dass die Lebensqualität hier vielen Industrieländern voraus ist. Klar, freizeitmäßig absolut.
Langsam aber sicher habe ich die Krise in Vancouver verstanden. Die Problembekämpfung wird wohl noch bis zum Sankt-Nimmerlandstag dauern. Über 1.000 Menschen sterben jährlich an Drogenmissbrauch. Sorry, die schönen Gärten in Vancouver können den Eindruck der Obdachlosen nicht wett machen.

Ich ziehe die Reißleine. Wenn ich mir dazu noch die Preise für Wohnraum anschaue, wird es nicht besser.

Die Natur um Van ist super. Das habt ihr ja in diesem Post schon gelesen. 

Da das Leben keine Garantie hat, reise ich weiter nach Vancouver Island.

Die Freude könnte größer nicht sein als ich auf der Fähre ankomme. Genau genommen sehe ich weit und breit nur Inseln und Wildness. Ich blicke in erwartungsfrohe Gesichter. Die Fähre legt ab und ich atme durch.
Zwei Stunden später hocke ich im Bus, bin glücklich der hastigen Stadt entkommen. Das Gewusel brauche ich nicht. 
das 5. Element
Victoria gefällt mir auf Anhieb. Am Ende des Tages komme ich erschöpft in meinem Bett im 20-iger Dorm an. Die Reise war lang.
Am nächsten Morgen herrscht Hochbetrieb in der Küche. Die Gäste fahren auf den Supermarkttoast ab. Das macht mich neugierig. Gibt nix  außer Toast und Marmelade. Angebot und Nachfrage stimmt hier wohl.  Also greife ich auch zu.

Treffen sich zwei Menschen treffen sich immer zwei Geschichten

Ich bleibe nicht lange allein. Die Dutchies laufen wir ständig grinsend über den Weg. Mit denen rede ich noch. Das ist so sicher wie das Amen in der Kirche.
Ein bisschen später ist es so weit. Ich koche Spaghetti in der Küche und plötzlich fragt mich einer der Zwillinge: „Na, was machst du so?“. So, da haben wir es. Ich mutmaße einfach, dass sie Zwillinge sind und dabei bleibe ich auch. „Wir sind keine Zwillinge. Rate mal wer älter von uns ist?“, sagen sie. Ich liege falsch.
Aus dem Küchengespräch werden einige angenehme Abende. Wir schauen die selben Serien und treiben uns auf untappd rum.

Unsere Gruppe vergrößert sich sukzessive. Und schon bald feiern wir den Abschied der Dutchies. Ihre drei Monate Reise gehen zu Ende.

Nachdem wir dann einige Drinks hatten und ein bisschen Fingerfood geteilt haben, sitzen wir wieder im Hostel und warten bis Katja endlich mit ihren häuslichen Tätigkeiten fertig ist. So hegen wir den Trockner und teilen philosophisch Lebenserfahrungen.

Bislang wissen wir schon einiges. Nun entscheidet sich auch der Trockner für seine Nachtruhe.  Wie ich so ins Bett watschel´, denk ich bei mir:“Wäsche zusammenlegen- darauf hätte ich jetzt noch wahnsinnig Bock.“ Katja hat es überlebt.

Meine sagenhafte Familie, genauer gesagt mein Bruder, stupst mich erwartungsgemäß mit der Nase drauf, das ich doch mal arbeiten soll. Dementsprechend, und weil es mir gerade passt, entscheide ich mich kurzer Hand mich in einem Souvenir-Laden zu bewerben. 
Schon habe ich meinen ersten Tag. Die Stimmung geht rauf und runter. Ich kann noch nicht so recht einordnen, ob ich den Job mag oder nicht. Weil es in einem Moment richtig Spaß macht und dann behandelt mich die Managerin als wäre ich ihr persönlicher Sklave. Meine Kollegin überzieht die Pause.
Die Managerin jagt durch den Laden: „Bist du im Urlaub?“, fragt sie sie als der Pause kommt. Ich bin verzweifelt. Katja besucht mich im Laden. Gott sei Dank! Ich bin erleichtert, da sich meine Gedanken nun nicht mehr im Kreis drehen. 

Wer wie der Teufel tanzt muss nicht in die Hölle gehen – aber vielleicht durch die Hölle?

Nach der Schicht holt sie mich ab. „Gott, dein Gesichtsausdruck hat heute alles gesagt. Du musst mir

das Meer ruft
Natur pur

nichts über deinen Höllenritt erzählen.“ Ich fühle mich erbärmlich. Morgen schließe ich den Laden wieder auf. Und wieder stichelt meine Managerin:“Macht hinne wir müssen den Laden öffnen.“, lässt sie mich wissen während ich die Kasse zähle. – Ist nicht so, dass wir alle 15 Minuten eher unbezahlt hier sind.

Es dreht sich alles um Quantität. Die Schicht ging vorbei und weil es so schön war, darf ich am Sonntag eben gleich wieder den Laden aufschließen. Was denken die sich?
Am Sonntag darf ich just in time im Laden beginnen. Yusi ist die zweite Ladenmanagerin und klärt mich auf, dass es bei ihr keine unbezahlten Zeiten gibt. Die Asiaten werden mir sympathisch. Die Anspannung löst sich und die 4 Stunden vergehen wie im Flug.

Meine liebsten schenken mir dieser Tage nicht viel Audienz. Mein Bruderherz kurvt vermutlich gerade quer durch Deutschland, da er auf Schnäppchenjagd im 5-stelligen Bereich ist und die Ernte schon bald ansteht.  Ist es vielleicht schlicht und ergreifend der Neid der da gerade aus mir spricht? 
Wie dem auch sei. Katja holt mich aus dem Laden ab. Sie hat unser Picknick vorbereitet und wir fahren an den See. – Ich fühle mich angekommen in Kanada. Ziel erreicht und der Magen hängt in der Kniekehle. Wir schaffen es nicht bis zur Badestelle ohne zu verhungern. Also genießen wir unsere Spaghetti mit Seeblick. Katja holt mich unverkennbar zurück auf den Boden der Tatsachen. Freilich sind die kleinsten Dinge die schönsten im Leben.

Vorherrschendes Thema: Arbeitserfahrung in Kanada

Obwohl ich fast im Gehen einschlafe, gönne ich mir die kühle Erfrischung im See. Nach einem Mini-Mittagsschläfchen greifen wir wieder das vorherrschende Thema auf; Arbeitserfahrungen in Kanada. Ihre Erfahrungen haben ihr Leben auch nicht unbedingt eruiert. Ihre Arbeitgeber haben sie auch nur gestochert. Vermutlich ist das ein psychologisches Problem. Sie sind ortsgebunden und unzufrieden. Die Unzufriedenheit wird eben weiter gegeben und wir werden als Zielscheibe angepeilt. 
Ich muss mich kolossal beherrschen nicht wieder in mein „Ich-gehe-lieber-auswärts-essen-Lifestyle“ zurück zufallen, als der Tag langsam zur Neige geht. Die angenehme Ko-Existens mit Katja holt mich zurück und so landen wir lachend und kochend in der Küche. Das Free-Shelf hat einige Köstlichkeiten für mich zurück gelassen. Grinsend fülle ich meine eigenen Vorräte. Und ganz allmählich genieße ich die Situation. 
„Wir haben Kaffee und Schokolade, magst auch?“, fragen mich die Mädels? „Klar, warum nicht.“ 
Um unsere Identität zu wahren haben wir beschlossen Deutsche ´Badman´ zu nennen. Mal ehrlich wir sind doch nicht in Kanada, um Deutsch zu reden. Die meisten mit einem kulturellen und sozialen Status werden das wohl verstehen, oder irre ich mich da?
Die ´Badman´- Geschichte bringt uns im Sekundentakt zum Lachen. Das Koffein lässt uns nochmal tätig werden und wir drehen eine Runde am Hafen. „Servus!“, sage ich in die Runde, denn ich arbeite immer noch online, und das füllt meine Freizeit.

Bis bald,
Eure Jule

Geschrieben von Julia

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